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What Happiness Is

INTERVIEW MIT PREMIERMINISTER LYONCHHEN JIGMI Y. THINLEY

geführt am 25. Juli 2011

Wir lesen über den großen Fortschritt, den Bhutan macht. Können Sie uns von den Entwicklungen berichten?
2010/11 war ein gutes Jahr. Die Rahmenbedingungen, die es den BhutanerInnen ermöglichen, glücklicher zu werden, haben sich sehr rasch entwickelt. Das hat mit materiellen Gegebenheiten zu tun, mit intellektuellen Kapazitäten, mit den ökologischen und kulturellen Bedingungen. Als Premierminister verfasse ich einen jährlichen Bericht über den Zustand der Nation, und nun war ich in der Lage von Fortschritten zu berichten: Dass jede größere Gemeinde über eine Straße erreichbar sein wird, dass jedes Kind in die Grundschule kommt, dass kein Dorfbewohner länger als eine Stunde gehen muss, um den nächsten Gesundheitsdienst zu erreichen. Dass jedes Zuhause Zugang zu Trinkwasser haben wird, dass jede/r BhutanerIn leicht mit dem Rest des Landes in Verbindung treten kann – via Mobiltelefonie. Dass jedes Zuhause an Elektrizität angeschlossen wird, dass jede Ortschaft ein kulturelles Center haben wird, einen Andachtsort, wo man zusammen kommen kann, wo man sich engagieren, etwas bewirken kann, das kulturelle Leben des Ortes pflegen kann.
Das sind die Dinge, die wir den Menschen versprochen haben – und ich war nun in der erfreulichen Lange zu berichten, dass dies alles mit Ende 2012 umgesetzt sein wird.

Kann man sagen, dass das heutige Bhutan und das Brutto-Nationalglück ein diplomatischer Erfolg sind?
Ja, denn wir haben es geschafft, die Gesellschaft – international – davon zu überzeugen, dass wir unsere Lebensweise ändern müssen.
Die gegenwärtige Lebensart basiert auf ökonomischem und materiellem Streben im Rahmen eines BIP-Denkmusters. Ein wenig nachhaltiges Leben. Die zahlreichen Arten von Katastrophen, mit denen sich die Menschheit konfrontiert sieht, sind hausgemachte, wie auch die ökonomischen, finanziellen, politischen Desaster.
Das zerstört die Gesellschaft und unsere Umwelt. Das Brutto-Nationalglück ist als ganzheitliches Entwicklungs-Denkmuster zu verstehen, ein nachhaltiges Modell, wovon wir heuer auch die Völkergemeinschaft der UN überzeugen konnten. Unserer Erfahrung nach führt es zu einem nachhaltigen und ausbalancierten Leben.

Es gibt diese berühmte Liedzeile: „Money makes the world go round“. – Was, glauben Sie, ist es, weshalb das Brutto-Nationalglück derartigen Anklang findet, weltweit?
Bis vor kurzem wurde das Brutto-Nationalglück als utopische Idee abgestempelt, die nicht relevant ist für die nach materiellen Maßstäben organisierte Welt, mit der wir anscheinend ziemlich zufrieden waren. Aber in jüngsten Zeiten, besonders in den letzten Dekaden, hat die Gesellschaft einige Schocks erlitten. Von allen Seiten ringen die Alarmglocken. Und die Menschen haben begonnen, nachzudenken. Darüber, was sie als Gesellschaft erreicht haben. Und mussten in vielerlei Hinsicht feststellen, dass all dem, was wir erreicht haben, etwas Oberflächliches, Leeres anhaftet.
Am Ende wurde realisiert, dass wir nicht wachsen – als Menschen. Als Individuen, als Gemeinschaften, als Familien. Und dass wir weder zufrieden noch glücklich sind.
Und als dann Bhutan mit der Idee kam – oder eher: als Bhutan gebeten wurde, die Idee zu teilen, wurde sie zu etwas, was jeder wollte aber nicht erreichte, und was der wahre Sinn des Lebens ist. Glück. Und das machte Gross National Happiness, GNH, wohl so attraktiv.
Eigentlich ist es ironisch, wie sehr wir uns davon entfernt haben.

Wie macht sich „Gross National Happiness“ im Alltagsleben in Bhutan bemerkbar?
Bhutan würde sich nicht als Land zu vermarkten versuchen, das das Glück gefunden hat. Was auch immer in Bhutan passiert, muss nicht unbedingt ein gutes Beispiel für die sein, die nach Glück streben. Es ist lediglich so, dass wir ein Land sind, das daran glaubt, dass Glück das ist, was am meisten zählt. Und dass Glück durch die Balance zwischen Materiellem und Spirituellem, zwischen Körper und Geist erreicht werden kann. Aber: Wir sind ein armes Land – und Armut und Glück passen nicht unbedingt gut zusammen. Daher sind wir gerade dabei, die Gegebenheiten zu entwickeln: die materiellen und ökonomischen. Es gibt in Bhutan vieles, über das wir nicht glücklich sind. Aber auf ein alltägliches Leben bezogen, stehen wir in der Früh auf als Individuen, die zu Familien gehören. Als Eltern, als Kinder, als Familienmitglieder.
Wenn wir das Haus verlassen, sehen wir uns als Individuen, die sich in einer Gemeinschaft bewegen, die unsere Werte und Hoffnungen teilt. Ob das nun ein Regierungs- oder Firmenbüro oder auf dem Hof ist: Wir versuchen nachhaltig, unser Leben als Mitglieder der Gesellschaft zu führen.
Ich glaube, wir legen auch großen Wert auf die Notwendigkeit spiritueller Bereicherung.
Buddhisten müssen nicht an einem bestimmten Tag der Woche oder an einer exakten Stunde des Tages einen Andachtsort aufsuchen, aber drei bis vier Mal im Monat reist man zu solchen; zu Klöstern und ähnlichem, um für sich und alle Lebensformen zu beten. BhutanerInnen glauben, dass es egoistisch wäre, nur für sich selber zu beten. Und so wird jedes Mal, wenn wir beten, das Bewusstsein gestärkt, dass wir nur ein kleines Teilchen sind, das in einem größeren Universum existiert. Und dass wir der Gesellschaft gegenüber Verantwortung haben.
Sie werden bei jeder Gelegenheit sehen, wie die Familienstruktur in Bhutan ist. Mehr-Generationen-Gruppen. Das sind einige der Dinge, von denen ich glaube, dass sie Bhutan zu einem Ort machen, wo das Streben nach Glück die Essenz zum Glück sichtbar sind.
Ein Kind geht morgens in die Schule und dort startet der Tag mit Meditation; damit, zu lernen, aufmerksam mit anderen umzugehen, respektvoll zu den LehrerInnen zu sein. Das, was ihnen entgegen kommt, inspiriert wiederum die LehrerInnen, die Kinder zu guten Menschen, zu ganzheitlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu formen.

Kann man das Brutto-Nationalglück als ein Bhutanesisches Konzept bezeichnen? War die Komplexität der Bhutaner Situation notwendig, um sich zu entwickeln?
Das nicht, aber was GNH zu einer Buthanesischen Initiative machte, hat mit einem einzelnen Individuum zu tun: unserem früheren König. Als er als junger Mann den Thron bestieg, hat er hinterfragt, was der Sinn und Zweck ist und was die Rolle eines Führers, eines Königs. Was die Menschen am meisten wollen in ihrem Leben. – In Gesprächen und Reisen kam er zum Verständnis, dass die ganze Wahrheit ist, dass sich alle Bewohner nach Glück sehnen.
Das hat ihn zur Frage geführt, was Glück bedingt. Also hat er sich und die Regierung dazu angehalten, die Rahmenbedingungen zu stellen, in denen das möglich ist.
Es hatte also mit dem Führer zu tun, weniger mit der Kultur. Es war die Initiative eines Mannes.

Ist es eine diskutierte Initiative in Bhutan?
Es gibt viele, die sagen, GNH ist gut für Bhutan, weil wir ein buddhistisches Land sind und wir uns gut entwickeln.
Den Menschen ins Zentrum zu stellen, ist ein humanistischer Ansatz, Fortschritt zu ermöglichen. Daher ist es für jede Gesellschaft, Kultur, Regierung ein Thema.
Auch in der britischen Gesellschaft findet die Diskussion statt. Es gibt eine Führung, die an Wohlbefinden glaubt, aber auf der anderen Seite gibt es in der ältesten Demokratie in der Welt auch diejenigen, die glauben, dass die Regierung sich nicht in das Wertesystem der Menschen einmischen sollte. Alles eine Frage der Sichtweise. In Bhutan befiehlt die Regierung den Menschen nicht, glücklich zu sein, wir stellen nur die Rahmenbedingungen zur Verfügung, die es ermöglichen, glücklich zu leben.
Ich höre Politiker in aller Welt  darüber sprechen. Selbst während der Wahlen in Brasilien. In Indien wurde eine Landtagswahl mit GNH gewonnen. Die EU hat Glück und Wohlbefinden als Entwicklungsziel aufgenommen. Das Konzept des GNH wird also immer universeller und gilt nicht mehr als utopische Idee. Dann beginnen die Menschen auch darüber nachzudenken, dass das Utopische vielleicht nicht nur wünschenswert ist, sondern durch einen ganzheitlichen Ansatz auch erreicht werden kann.

Wie ist es um das GNH in Ihrem Leben bestellt? – Die Work-Life-Balance für Sie als Premierminister?
Ich erlaube es mir nicht, zu sehr durch Politika getroffen zu werden, ich versuche, meine Verantwortlichkeiten und ihre Auswirkungen auf eine ganzheitliche Art anzufassen. Ich bin auch nach wie vor ein sehr aktiver Teil meiner Familie, ich erlebe die Zuneigung meiner Frau und meiner Kinder jeden Tag. Und jeden Tag, wenn ich zur Arbeit oder nach Hause fahre, genieße ich die Schönheit der Natur, die Ruhe und Gelassenheit, in der wir BhutanerInnen leben. Alles das bereichert mich. Und ich sehe mich auch als eine sehr privilegierte Person – weil ich durch meine Verantwortung etwas bewirken kann für die anderen BürgerInnen. Und vielleicht im kleinen auch für das Wohlergehen der Menschheit. Es war eine ungeheure Erfüllung, als die UN Glück als ein wichtiges Ziel für die Gesellschaft aufgenommen haben.