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What Happiness Is

INTERVIEW MIT REGISSEUR HARALD FRIEDL

BildWie ist es um Ihr Glück bestellt? Auf einer Skala von 0 bis 10: Wie glücklich sind Sie?
Meistens so zwischen 8 und 9.

Und was macht Sie glücklich?
Faszination, Liebe, in einer guten Sache völlig aufgehen. Tief empfinden, sich wie eins mit anderen und mit der Welt fühlen, Anerkennung, Erfolg …

Wo nahm der Film seinen Beginn: Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?
Als Heidi Liedler-Frank noch im Außenministerium gearbeitet hat, hat sie mirbei einem Abendessen erzählt, dass sie eine Reise österreichischer Parlamentarier nach Bhutan vorbereitet. Ihr Mann, mein alter Freund Andreas, hat im Zusammenhang damit „Gross National Happiness“ erwähnt. Ich habe mir eine Notiz gemacht, das Thema am nächsten Tag recherchiert. Es kam mir zuerst einfach nur schräg vor und habe dann die Homepage vom Center for Bhutan Studies in Thimphu – www.bhutanstudies.org.bt – studiert. Ich dachte mir: Wenn das wahr ist, dann ist das super. Ich habe sofort Kontakt mit dem Center aufgenommen und eine gewisse Tshoki Zangmo hat zurück geschrieben, dass sie im kommenden Jahr wieder die Erhebung zum Bruttonationalglück planen, zum ersten Mal richtig professionell und groß. Dann habe ich Kurt Mayer von der Sache erzählt und er war gleich Feuer und Flamme. Und Tshoki Zangmo ist jetzt die Protagonistin des Films.

Mit welchem Konzept sind Sie nach Bhutan aufgebrochen? Wie hat es sich vor Ort verändert?
Ich wollte von Anfang an, dass der Film von der Glücksermittlung erzählt und nicht vom glücklichen Bhutan. Es war auch schnell klar, dass der Film noch einen Schritt weiter gehen musste. Er verlässt den Handlungsrahmen der Untersuchung, um zu den persönlichsten Geschichten zu kommen. Dass sich die Dramaturgie des Films genauso entwickeln würde, war nicht geplant. Das hat sich beim Schnitt erst ergeben. Ursprünglich hatte ich vor, dass der Film die Reise authentisch nacherzählt. Zugunsten einer funktionierenden Dramaturgie war es notwendig, auf diese Authentizität zu verzichten. Die Filmdramaturgie hat ihre eigene Reise erzwungen.
Bei den Dreharbeiten war es oft schwierig, alltägliche Bedürfnisse zu erfüllen. Wo waschen wir uns, wo kriegen wir was zu essen her, wo finden wir ein paar Quadratmeter ebener Fläche, um ein Zelt aufzubauen? Bhutan ist ein extrem gebirgiges Land, ein junges, gar nicht abgeschliffenes Gebirge, da findet man nach Platz für ein Nachtlager lange suchen. Die Glücksermittler haben teilweise das Problem, dass viele der Leute sehr abgeschieden leben und dass sie sie für den Fragebogen kaum zum Sprechen bewegen können – das ist mit Kamera dann ja noch unvorstellbarer.
Es hat kaum Zurückweisung gegeben! Im Grunde genommen war’s gar nicht  schwierig, es wäre in Europa viel schwieriger gewesen. Man muss  sich das mal vorstellen, bei uns würden Sozialforscher antanzen und sagen: „Ihr müsst euch jetzt drei bis vier Stunden Zeit nehmen, unseren Fragebogen mit uns durchzugehen, und die Ausländer filmen uns dabei.“

Wie sind Sie mit der Sprachproblematik umgegangen?

In WHAT HAPPINESS IS geht es um  sehr emotionale Themen, aber auch soziokulturelle und politische Inhalte. Ich hatte einen Simultanübersetzer, der mir  die meiste Zeit übersetzt und erklärt hat, was passiert.
Im Film wird von der soften Modernisierung in Bhutan erzählt – wie Westliches hereingelassen wird – wie Handy und Internet –, aber bei Plastik z.B. bestimmte Auflagen herrschen; dass McDonald’s unerwünscht ist. Wie haben Sie diese Entwicklung vor Ort wahrgenommen? Eine „nachhaltige“ Modernisierung?
In einem Internetforum wurde diskutiert, ob man McDonald’s in der Hauptstadt zulassen soll oder nicht. Die Mehrheit der Poster war eindeutig dagegen, „so was brauchen wir einfach nicht. Und außerdem ist es eh nicht gut, Fleisch zu essen, das widerspricht der buddhistischen Ethik“.
Die Leute sehen  der Entwicklung anscheinend gelassen entgegen. Das ist natürlich buddhistisch gefördert, aber auch in der Hauptstadt scheint es bemerkenswert wenig Stress zu geben. Es gibt nur eine einzige Straßenkreuzung in Bhutan, die durch einen Polizisten geregelt wird. Früher gab es kurzzeitig eine Ampel, da haben sich die Leute aufgeregt, dass  eine Ampel nicht so  ästhetisch ist wie der Polizist mit seinen geschmeidigen Armbewegungen.
Bhutan durchlebt eine günstige Periode seiner Geschichte. Es geht aufwärts, das ist überall spürbar. Das Land wird liberaler, die Infrastruktur wird besser, es kommen Spitäler und Schulen, es herrscht Aufbruchsstimmung. Kritische Geister gibt’s auch. Sie haben vollkommen Recht, wenn sie sagen, dass zu viel Geld in die falschen Taschen geht. In  Bhutan existiert auch kein paradiesischer Zustand, und es gibt auch dort absurde Dinge. Aber Bhutan macht sehr, sehr viele Dinge sehr richtig.

War es schwer, die Erlaubnis zu bekommen, die Glücksforscher bei ihrer Reise zu begleiten?
Als es darum ging, ob wir diesen Film machen können oder nicht, hatte ich einen Termin mit einem Minister. Ich habe ihm offen gesagt, dass ich nicht vorhabe, einen Film über das glückliche Bhutan zu machen, sondern die Wirklichkeit zu zeigen.  Seine Reaktion war, dass er richtig froh darüber war. Als Kurt Mayer und ich einen Termin beim Premierminister hatte, sagt er am Schluss: „Make the film you want to make.“
Die wollen sich nicht instrumentalisieren lassen. Darum: BBC nein, kurt mayer film Österreich ja. (lacht) Die BBC hatte eine Serie über Tierleben im Himalaya gedreht, darunter auch in Bhutan. Es wurde ein Tiger gefilmt, der auf 4.000 Metern jagt. Der Kommentar dazu erzählte, dass die BBC damit als erste entdeckt hat, dass Tiger bis in 4.000 Metern Höhe jagen.  Für die Bhutaner hörte sich das verrückt an, weil sie das seit Jahrtausenden wissen. So bekam die BBC Drehverbot.
Zur Zeit des Gross National Happiness Surveys wurde kein anderes Filmteam ins Land gelassen. Bhutan wollten keine kurze, knappe Berichterstattung darüber. Wir waren exklusiv im Land, ohne dass wir je darum gebeten hätten.

Wie lange hat der Dreh angedauert? Wie groß war das Team? Und inwiefern hat man das Equipment auf die beschwerlichen Wege abgestimmt?
Ein Monat Recherche, zwei Monate zum Drehen unterwegs. Vier Österreicher, vier Bhutaner. Wir hatten 240 kg Equipment mit dabei inklusive unseres eigenen Gepäcks. Wir hatten acht Tage Maultiere, weil es keine Straße gab. Man musste für alles mögliche gerüstet sein: Wir wussten, dass wir nicht überall Strom haben würden, vielleicht auch eine Woche lang keinen Strom haben würden …

Bleibende Momente des Drehs?
Ich war sehr oft sehr glücklich, obwohl’s beinharte Arbeit war. Wenn ich an den armen Mann denke, dessen Familie ihn nicht mag, dann ist mir seine Offenheit in besonders tiefer Erinnerung. Oder die Frau, die erzählt hat, wie gut es ist, als Mensch wiedergeboren zu werden. Man könnte ja auch als Ameise oder als Schwein geboren werden. Unvergesslich sind die lustigen Frauen im Hochgebirge auf 4.000 Metern Höhe.
Die  drei Tagesmärsche hinauf in die tibetische Enklave Laya. Wenn man dort mal angekommen ist, erschöpft und fertig, und man trifft auf solche Frauen, die einem eine Mordsgeschichte von Lust und Leidenschaft erzählen. Selbst die Nacht in einem Raum voller Ratten, deretwegen wir das Schlafen bei 0 Grad im Freien vorgezogen haben … Das war teilweise ziemlich hart.
Am schlimmsten war, als die Pferde wegen einer fließenden Mure nicht weiter konnten und wir selber unsere ganze Ausrüstung über einen breiten, steilen, weichen, schlammigen Abhang tragen mussten. Es war finster, es hat geschüttet und zum Schluss haut mir mein lieber Freund Peter auch noch die Heckklappe des Landcruiser auf den Schädel. Von alledem sieht man im Film nichts. Niemand wird sehen, was wir auf uns genommen haben, um dem Glück näherzukommen. (lacht)

Was passiert tatsächlich mit den ausgewerteten Daten? Inwiefern fließt das in eine Diskussion, in eine neue Gesetzgebung?
Jetzt werden Studien gemacht, wie mit den Problemen umzugehen ist. In Bhutan wird viel in den Medien diskutiert. Es gibt auch englische Tageszeitungen und TV-Programme, deshalb konnten wir das mitverfolgen. Es gibt, sofern ich das überblicken konnte, fast jeden Tag eine Art „Club 2“. Da wird ganz offen über die Probleme des Landes gesprochen. Und das ist es, was jetzt  im Gang ist ein großer Diskussionsprozess. Inwieweit die Erkenntnisse in die Realpolitik einfließen, wird man sehen.

Der Ansatz ist ja ein spannender …
Am sympathischsten daran ist mir dass die ganzen Fragen mit Wertediskussionen verbunden sindSo wichtig materielle Dinge und Infrastruktur auch sind, sie lassen sich in einer Wachstumsökonomie wie Bhutan durchaus erfüllen. Da ist nichts Utopisches daran.. Entscheidend für das Wohlbefinden ist doch, in welchen Kontexten wir leben, wie wir familiär leben, in welchen Beziehungen und  Freundeskreisen; wie wir uns psychisch fühlen; wie sicher wir uns in einem Land fühlen können und wie viel Schönheit uns die Natur jeden Tag gratis bietet; in welchem menschlichen Wertesystemen wir leben oder ob wir ständig mit unseren Werten in Konflikt geraten, mit unserer sozialen Umwelt, der Gesellschaft. Wenn solche Fragen mal ganz selbstverständlich Tag für Tag in einem Land erörtert werden, ist das schon ein fortschrittliches Konzept. Man kann nur hoffen, dass die Praxis halb so gut wird, wie die Ansprüche sind.

Es wurden 7.000 Fragebögen ausgefüllt, ausgewertet – und die Ermittlung, die Befragung soll fortgesetzt werden …
Ja, weil Bhutan herausfinden will, wie sich die laufenden Veränderungen der Lebensverhältnisse auf das Glücksempfinden auswirken. Was hindert die Menschen daran, glücklicher zu werden? Das kann an einem ungünstiges Verhältnis von Arbeit und Freizeit genauso liegen, wie an einer Bande korrupter Politiker, die man nicht los wird.