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What Happiness Is

HARALD FRIEDLS DREHTAGEBUCH. (Ein Auszug.)

BildSamstag, 11. und Sonntag, 12. September: Thimphu
Materialüberprüfung. Sondierungsgespräche. Probedreh. Casting von Simultanübersetzern.

Montag, 13. September: Thimphu > Trongsa
Vormittags Dreharbeiten des Tanzes im Tashitsoe-Dzong in Thimphu. Mittags neue Informationen über den Verbleib der Surveyor. Ha kann derzeit nicht befahren werden, daher kommen sie nicht nach Thimphu, sondern machen ihre Arbeit erst in Punakha und Wangdi Phödrang. Ein bis zwei Tage haben sie noch in Trongsa zu tun. Sechseinhalbstündige Fahrt nach Trongsa. Ankunft um 22:00 Uhr.

Samstag, 18. September: Mesina, Punakha Dzonkhag
Heute Dreh im Dorf Laptsokha, das zu Talo gehört und über Punakha liegt. Was ist gut gelungen: Einzelne Befragungen, weil die Surveyors gut waren (Mädchen Sonam) und weil die Befragten gut waren (Opa mit Enkel, Karma) und weil die Gastgeberin gut war. Karma ist glücklich, wenn er in einem Auto mitfahren kann, und er war es, als er in der Schule war. Aber Vaters Tod hat ihn in den Hof gezwungen. Karma erzählt uns später das Geheimnis seiner ersten Liebe, einer hoffnungslosen wegen des Klassenunterschiedes. Trotzdem will er ihr in 4 Jahren einen Antrag machen.
Eine Bäuerin ist verstört, weil die Wildscheine ihr Feld zerstört haben.
Ein Lehrer hat sehr explizite Ansichten über Korruption.
Ein Opa kann sich jedes Jahr ein paar Schuhe leisten, was wichtig ist, weil sie sonst stinken.
Sehr gute konstruierte Szenen zwischen Tshoki und der Tshogpa. Sie lebt an einem guten Ort, wer hier hungert, ist selber schuld. Sie selbst hatte als Mädchen einen nackten Arsch, so arm war sie. Jetzt braucht sie keinen Luxus, aber Frieden.
Die Tsogpa ließ sich übersetzen, dass sie spürt, dass ich sie mag. Und es müsse mit unserem Karma aus unseren früheren Leben zusammenhängen, dass wir uns heute hier begegnet sind.

Sonntag, 19. September: Mesina, Punakha Dzonkhag
Wie gekünstelt soll und darf eine Szene sein, in der sich die Menschen uns öffnen?
Wir können und sollen nicht vortäuschen, diese Geschichten würden den Ermittlern erzählt werden. Wir sind und bleiben die Adressaten, die Ermittler können uns höchsten in den Raum, in das Haus in den Handlungskontext einführen.

Montag, 20. September: Kuruthang, Punakha Dzonkhag
Wann geht’s in ein Kloster? Wann in Slums? Wahrscheinlich werden sie uns sagen, dort leben nur Inder, Gastarbeiter, keine Bhutaner.
Ort: Lobesa. Wir filmen Gebete in einem Privathaus, die Massenbefragung in einem Hinterhof, aber mit Sonam will ich an einen privaten Ort gehen. Das Haus dafür haben wir uns vorher ausgesucht, es liegt exponiert und bietet uns überraschend eine besondere Geschichte: Der Bauer hat durch die Flut Land verloren und er vernachlässigt sein Haus, weil er hofft, neues Land zugeteilt zu bekommen.
Die Absurdität, das Glück messen zu wollen, tritt anhand seiner Geschichte zutage. Happiness: 50%.
Man spürt die Nähe des Flusses. Dass er nicht schön ist, raubt ihm jede Romantik. Der Mann hat Mitleid mit den Würmern, die er tötet, er gibt niemandem etwas ab und bekommt von keinem was. Die Geschichte des Bauern ist dramatisch. Immer wieder sitzt er mit gepackten Koffern mit der Familie nachts im Haus, bereit zur Flucht. Wo ist das Glück? Darin, dass die Gross National Happiness (GNH)-Leute gekommen sind „wie Gott, um ihm zu helfen.“
In einiger Entfernung schießt einer mit Bögen, auch nicht schlecht. Auch der Bauer erzählt uns von seinem glücklichsten Tag: Beim Bogenschießen brachte er zwölf Pfeile ins Ziel. Anschließend hat er sich auf Kosten eines reichen Sponsors, des Gatten einer Deutschen, vollkommen besoffen.

Mittwoch 22. September: Kuruthang, Punakha Dzonkhag
Dreharbeiten wieder bei der alten Tshogpa von Laptsokha in Talo. Der Film erreicht eine neue, nicht im Voraus absehbare, herrliche Doppelbödigkeit. Wir drehen „The Happiness in Chewing Doma“, es wird eine Geschichte von Sucht und Erleichterung, von Glück und Abhängigkeit. Ich hoffte während der langen Szene, das Kind würde aufwachen und aufstehen. Es passierte, es ging zu Tshogpa und die wollte ihm Doma geben. Dem Kind ekelte. Man sieht das fertige Gesicht der Tshogpa, trotzdem stopft sie sich noch ein Blatt in den Mund, um Betelnuss zu kauen.
Anschließen drehen wir mit ihr im schütteren Maisfeld. Jetzt wird es skurril. Das Thema ist „der glückliche Tag, Glücksmomente“. Für sie der Tag, als sie im Alter wieder in die Schule gehen konnte. Sie erzählt von der Strafe fürs Zuspätkommen, davon, ein Lied vorsingen zu müssen – falls das richtig übersetzt wurde. Sie beginnt plötzlich das Lied zu singen, es ist absurd und berührend zugleich. Unvermittelt hört sie auf und erzählt von einem wunderschönen Ausflug.
Wenn ich solche Szenen sehe, interessiert mich die Glücksermittlung überhaupt nicht mehr. Solche Szenen sind der eigentliche Film, aber wie oft können wir derartigen Tiefgang erreichen?
Sensation des Tages: Während wir ausnahmsweise auf der Straße und nicht beim Haus von Laptaskha drehen, kommt Sophie Uitz in einem Reisebus mit deutschen Adeligen vorbei. Wir begrüßen uns enthusiastisch. Abends schaut sie im Hotel auf ein Bier vorbei. Ich kann leider nicht lange mit ihr zusammensitzen, weil ich Material schauen muss.

Montag, 27. September: Gashitsa Gewog & Ula Hospital
Survey Tshokis mit interessanter Bäuerin in Ula. Happiness: 30%
Sie kauft Hühner frei, die geschlachtet werden sollen, und schenkt sie dem Kloster. Und sie hat Riesenprobleme mit Wildschweinen und vor allem Ratten. Sie wäre die Erste, mit der ich gerne gedreht hätte, aber es ist nicht möglich an diesem Tag. Die Frau muss man sich merken.

Donnerstag, 30. September: Gashitsa Gewog, Wangdi-Phodrang
Abends Gespräche über Magenschmerzen und Durchfall, das sind so unsere privaten Themen. Oder die Flöhe bei Peter, der Floh bei Helmut. Immer wieder das Plumpsklo, das Senkgrubenhäuschen, in dem über der Grube zum Draufstellen zwei Steinplatten gelegt sind, zwischen denen ein Spalt klafft. Joe tat uns keinen Gefallen, indem er darauf hinwies, dass Steinplatten leichter brechen als Holz. Kein Klogang ohne diese Phantasie. Frühmorgens in der Dämmerung stinkt es weniger und man sieht nicht, was unter einem vorgeht. Witz bei einer Begegnung auf dem Weg zum Klo: Und? Hast eh die Klobürste benutzt? Die Stimmung im Team ist tadellos.

Samstag, 2. Oktober: Dragon´s Nest Resort, Lobesa, Wangdi-Phodrang
Der gestrige Drehtag war übervoll.  Wir drehten erst im Geschäft des Paares, bei dem wir gestern mit dem Ermittler Kinga waren.  Der Ehemann war nicht sehr ergiebig, aber die Frau redete wie ein Maschinengewehr, erst von dem glücklichen Tag, dem Blessed Rainy Day, an dem sie sich frei nahm, um mit der Verwandtschaft zu picknicken. Sie schwärmte von den vielen Curries, die es gab, dass der Tag im Geschäft hohen Umsatz gebracht hätte, aber sie hat sich frei genommen. Als zweite Geschichte wollte ich die ihrer Liebe zu ihrem Mann, wie sie ihn traf. Und ich wurde überrascht: Es war eine arrangierte Ehe.
Dann drehten wir in der Küche des Restaurantbesitzers: Früher war die Stadt sauber und schön, sagt er, jetzt verkommt sie. Das passt schon gut zu den Küchenbildern, er ist ein Mann, der Bedacht nimmt, der gestaltet und Order gibt. Er würde gern die Stadt beherrschen, aber sein Reich ist die Küche. Das wäre also die Möglichkeit mit ihm gewesen: Wie würde deine Stadt aussehen, wenn Du sie gestalten könntest?
(...) Wir drehten mit einem alten Soldaten, wie er Mantras betete und das vom Glück in seinem Leben erzählt. Das war witzig, nur „Weibergeschichten“. Er hatte offenbar Jahre gehabt, in denen er tagsüber für die Bäuerinnen am Feld arbeitete und nach dem Schlafengehen durfte er sie dafür vögeln. Er lachte immer wieder verschmitzt. Er beklagte sich, dass, wenn man früher eine Frau schwängerte und nicht heiraten wollte, man sich mit drei Kilo Fleisch und drei Kilo Butter von seiner Verantwortung loskaufen konnte. Er hätte stundenlang geredet ohne Bremse.
Barbara hat mich am Telefon gefragt, ob sich die Bhutanisierung auch dieses Mal einstellt. Nicht so sehr wie bei der Recherche, als ich nur offen sein konnte und nicht nach Brauchbarem und Unbrauchbarem differenzieren musste, als ich noch nicht arbeiten musste, als es noch überall Luxuszimmer gab und ich in keinen Absteigen hausen musste. Ich verstehe das Land besser, erkenne hinter mancher Freundlichkeit auch die Unterwürfigkeit gegenüber dem Fremden, begegne aber am laufenden Band blanker Offenheit und fast kindlicher Unkompliziertheit. Dieses Land ist auf der Suche, es gibt Ideen, denen viele Menschen zu folgen trachten, und so bleibt bei aller Widersprüchlichkeit, bei seiner Konfliktangst mit der Obrigkeit Bhutan doch ein Land, das einem komplexen Masterplan folgt, eigentlich zweien, einem spirituellen und einem materiellen, wobei der spirituelle zwar an Terrain verliert, der materielle aber Dimensionen des Spirituellen in sich trägt. Das ist vielleicht das Faszinierendste an GNH.
Bhutan ist ein Land der Oral History. Daher sind die Leute wirklich gut im Erzählen, fast jeder. Einen großen Teil des Tages stehen sie zusammen und reden. Im Buddhismus ist Moral keine große Kategorie in der Bewertung eines Menschen, seines Lebens, seiner jetzigen Handlungen. Da die Qualität des Lebens durch die Taten im vorigen Leben bedingt ist, beziehen sich die Menschen auf etwas Unkorrigierbares, wenn sie ihre Gegenwart betrachten. Das stimmt sie gleichmütig. Sie nehmen hin, was ist, und sind davon überzeugt, dass das Hinnehmen ihr Karma für das kommende Leben begünstigt. Ich glaube, das ist auch eine Bedingung für ihre oft überraschende Ehrlichkeit und Offenheit. Darüber hinaus bieten wir, indem wir auftauchen und uns für sie interessieren, einen Kontakt, der ihnen signalisiert, dass sie in einer früheren Existenz schon einmal mit uns zu tun hatten. Der Mönch hat es ganz klar gesagt. Für ihn besteht kein Zweifel, dass wir uns von früher kennen, denn sonst wären wir nicht hier. Da ich der Gesprächspartner bin, bin ich der Bekannte oder Verwandte von früher.

Montag, 4. Oktober: Kuina, halber Weg zwischen Gasa und Laya (3.400 m)
Gestern Abend sind unsere Träger abgehaut, ich erfuhr es erst heute. Drei Ermittler sind nun unsere Träger (Kamera, Ton, Stativ, alles, was wir unterwegs zum Drehen brauchen). Recht ist mir diese Vermischung von Rollen nicht, aber es war die einzige Möglichkeit gewesen. Der Sonam trug die Kamera, Kinga das Stativ, Tanka war mit dem Ton überlastet.

Mittwoch, 6. Oktober: Laya (3.850 m)
Die Besonderheiten dieses Ortes: Fast nur Frauen kommen zum Interview, die Männer sind, ausgenommen die alten, mit den Herden in den Bergen. Und die Frauen tragen die bekannten, merkwürdigen Strohhütchen. Beschließe, hier nur Frauen und Greise zu drehen und Laya wie eine Stadt der Frauen erscheinen zu lassen.

Freitag, 8. Oktober: Laya (3.800 m)
Wegen des miesen Wetters konnten wir erst nur 100 Jahre Einsamkeit filmen.
Einer alten Frau zeigte ich das Foto jener jungen Frau, die der Sonam vorgestern interviewt und die mir wegen ihrer Offenheit sehr gut gefallen hatte. Die alte Frau kannte sie: Tshering Baego. Die alte Frau beschrieb den Weg, Namgyel und ich gingen hin, fanden freundliche Aufnahme. Erst filmten wir, wie sie einheizte, nichts Besonderes. Ihre Glücksmomente waren berührend:
Erst hatte sie nur einen Sohn, aber dann das Glück einer Tochter. Die soll einmal studieren, der Sohn aber am Hof bleiben. Die Tochter soll Beamtin werden. Dann kann Tshering Baego zu ihr in die Stadt ziehen. Leider ist die Schwiegermutter so böse.
Ihre Ehe war keine arrangierte. Der Junge hatte sich in sie verliebt, als sie 16 war. Sie haben geheiratet. Leider ist die Schwiegermutter so böse.
Die Geschichten waren gut, aber ich spürte, dass da noch was lauerte. Ich ließ Namgyel übersetzen, dass sie mir von ihrem Herzschlag erzählen soll, vom Kribbeln auf ihrer Haut. Dann erzählte sie eine dritte Geschichte: Als die Liebe jung war, schenkte er ihr eine Puppe. Und abwechselnd trugen sie die Puppe durch das Haus. Damals gingen sie Hand in Hand durch das Dorf und hatten keine Angst, dass sich die Leute das Maul über sie zerrissen. Dann erzählt sie noch, dass mit den Kindern alles schwieriger geworden sei. Er hat(te) versprochen, sie nie zu schlagen (Tempus?). Manchmal trinken die Männer und dann tanzen sie, auch die Frauen. Jetzt ist er bei den Yaks und sie macht sich Sorgen. Nach diesem Dreh machte sie Feuer, wir filmen es. Ich frage sie, ob wie einen Fernsehapparat hat. Sie weist auf einen Computer hin, den sie daraufhin mit den losen Drähten von einer Solaranlage verbindet (filmen wir natürlich).
Jetzt erst fällt mir auf, dass dieser Film eigentlich nur begrenzt von „What Happiness Is“ erzählt, sondern mehr noch von „What Happiness was“. Vielleicht sollte er nur „Happiness“ heißen.

Montag, 11. Oktober: Hotel Galingkha, Thimphu (1.600 m)
An Samstagabend gingen wir um etwa 10 Uhr schlafen. Bald hörten wir das Rascheln der Mäuse. Der Boden des Raumes schloss nicht bis zur Wand, unter den aufgelegten Matten konnte man die Viecher gehen hören. Manchmal klang es so, als spazierte eine Maus über meinen Rucksack, aber noch war es nicht so weit. Irgendwann dann hörte ich eine Maus über hartes Plastik gehen, über mir im Regal. Von dem Packen muss sie abgerutscht sein, denn sie fiel knapp hinter meinem Scheitel zu Boden. Ich rollte mich nun sehr fest in den Schlafsack ein, hielt mir die Innendecke vor den Mund. Musste immer wieder daran denken, dass vielleicht eine Maus in meinen Schlafsack kriecht. Noch hielt ich stand, denn die Alternative war, mich raus zu den Trägern und Pferdeführern zu legen, in den Raum, dessen Tür nie geschlossen war. Wieder fiel eine Maus von der Wand (die war aus Steinen, nirgendwo glatt, wie die einer alten Ritterruine gut zu begehen). Irgendwann schlief ich ein, wurde aber dann durch hektische Aktivitäten der Nager geweckt. Wieder fiel einer neben mir zu Boden und ich machte die Taschenlampe an. Was ich dann an der Wand sah, war ein solches Kaliber von Maus, dass ich eher an eine Ratte denken musste. Ich ergriff die Flucht, legte mich zu den Pferdeführern und Trägern. Um 4 Uhr krabbelte ein Viech auf Joes Schlafsack rum, er versetzte ihm einen Schag und als er die Lampe anmachte, sah er die Ratten auf einem Korb sitzen. Er blieb fortan wach.